Showdown beim Auto, Funkstille beim Funkmast

Das Handelsblatt-Wochenende macht auf Seite 22 ein großes Fass auf: „EU rüstet sich für Showdown mit China“. Ausgleichszölle auf chinesische E-Autos, Schutzinstrumente gegen subventionierte Maschinen und Chemie, im Hintergrund die Drohung mit dem Exportstopp für seltene Erden. Brüssel schwingt den Knüppel – und zwar sichtbar, dort wo Arbeitsplätze, Werkshallen und Wählerstimmen hängen.

Nur: Der Knüppel trifft das leichte Ende. Ein importiertes Auto kann man verzollen. Die Antenne am Mast und die Software, die dahinter meinen Verkehr steuert, verzollt man nicht mehr weg – die stehen längst im Land.

Ich fahre die Strecke Siegburg–München zweimal die Woche. Das Netz, das mich dabei durchreicht – Mast für Mast entlang der Schiene –, ist genau jenes Zugangsnetz, über das im Showdown-Getöse niemand spricht. Die Abhängigkeit ist für mich kein abstraktes Politikum. Sie ist die Antenne, in die sich mein Handy gerade einbucht, während ich das hier tippe.

Reden wir über die Abhängigkeit, die wirklich strukturell ist

Das RAN, das Zugangsnetz. Schätzungen zufolge stammen dort rund 60 Prozent der verbauten Komponenten von chinesischen Herstellern, allen voran Huawei. Zum Vergleich: Frankreich, das Huawei früh Grenzen gesetzt hat, liegt bei rund 17 Prozent. Der Unterschied ist keine Frage der Technik. Er ist eine Frage der Entscheidung – und Deutschland hat sie jahrelang nicht getroffen.

2024 kam dann der vielzitierte „kooperative Kompromiss“. Im Kernnetz, der Schaltzentrale, dürfen bis Ende 2026 keine kritischen Huawei- und ZTE-Komponenten mehr stecken. Klingt hart, ist aber weitgehend symbolisch: Zwei der drei Betreiber fahren ihr Core nach eigenen Angaben ohnehin schon ohne chinesische Technik. Im Zugangsnetz, wo die 60 Prozent liegen, müssen bis Ende 2029 lediglich die „kritischen Funktionen der Netzwerkmanagementsysteme“ ersetzt werden. Die Basisstationen selbst, Hardware und Antennen inklusive, bleiben. Unbefristet.

Die damalige Innenministerin sprach davon, man schütze „die zentralen Nervensysteme des Wirtschaftsstandorts“. Schöner Satz. Nur unterschrieb sie ihn unter einen Vertrag, der das Nervensystem zu 60 Prozent dort lässt, wo es ist. Die MERICS-Analystin Antonia Hmaidi nannte das, was es ist: ein Deal, dessen eigentlicher Zweck war, kein Gesetz verabschieden zu müssen. Illusionstheater mit Frist.

Fair bleiben – und trotzdem beim Punkt

Man muss den Betreibern zugutehalten: Ein Rip-and-Replace im laufenden Netz kostet Milliarden, ist technisch heikel, und sie haben mit Schadensersatz gedroht. Das sind reale Argumente – auch wenn sie bequem mit dem eigenen Geschäftsinteresse zusammenfallen. Und Brüssel zieht inzwischen nach: Aus der freiwilligen 5G-Toolbox soll ein verbindlicher Rahmen werden, der Hochrisikoanbieter EU-weit zurückdrängt. Spät, aber richtig. Die Richtung stimmt – nur das Tempo nicht.

Dass es auch anders geht, beweist der Vierte im Bunde

Das „zu teuer, zu riskant“ hat nämlich einen Gegenbeweis – und der funkt mitten in Deutschland. 1&1, der vierte Netzbetreiber, hat sein 5G-Netz von der grünen Wiese aus gebaut: Europas erstes kommerzielles Open RAN, komplett ohne Huawei und ZTE. Die RAN-Plattform und die Systemintegration kommen von Rakuten Symphony aus Japan, das Kernnetz von Mavenir aus den USA, die Antennen von NEC. Rund 100 Partnerunternehmen, die Hälfte davon aus Deutschland, weitere 40 Prozent aus Europa. Inzwischen ist 1&1 nach Nutzerzahl der größte Open-RAN-Betreiber der Welt.

Das ist die unbequeme Nachricht für Telekom, Vodafone und Telefónica: Das „geht nicht ohne die Chinesen“ ist widerlegt. Es geht. Ein moderner, software-definierter, in der Cloud gesteuerter Stack ohne ein einziges Huawei-Teil – das ist keine Theorie, das ist im Livebetrieb.

Ehrlich bleibt aber auch: billig war es nicht. Der Rollout lief jahrelang dem Plan hinterher – 1.000 Standorte waren für Ende 2022 angekündigt, Mitte 2023 liefen rund zwanzig. 2025 kamen Ausfälle, Skalierungsprobleme und ein Schadensersatzstreit mit dem Integrator im zweistelligen Millionenbereich dazu, das Netzsegment schreibt rote Zahlen. Und ja, Greenfield ist nicht Rip-and-Replace: neu bauen ist etwas anderes, als im laufenden Netz zu tauschen.

Aber Kinderkrankheiten heilen aus – und dann zeigt sich, was diese Architektur eigentlich kann. In einem cloud-nativen Open RAN ist das Netz Software. Die Funktionen laufen als Container auf Standard-Servern in dezentralen Edge-Rechenzentren, nicht als fest verdrahtete Blackbox am Mast. Praktisch heißt das: Ein neues Feature, ein neuer Tarif, ein neues Produkt ist im besten Fall ein Software-Rollout – kein Hardware-Tausch, kein Truck-Roll zu zehntausend Standorten, kein Warten auf den nächsten Release-Zyklus eines Monolith-Ausrüsters. Network Slicing, Campus-Netze, Fixed Wireless Access, latenzkritische B2B-Dienste, Netz-APIs für Partner: Das sind dann keine Sonderprojekte mehr, sondern Konfiguration auf einer Plattform. Time-to-Market kollabiert von Quartalen auf Wochen.

Und genau hier liegt der eigentliche Hebel gegenüber Telekom, Vodafone und Co. Die Großen haben Reichweite, Skala und ein über Jahrzehnte gewachsenes Netz – und schleppen exakt das als Altlast mit: vertikal integrierte, geschlossene Vendor-Stacks, langfristige Serviceverträge und einen Generationen-Mix, in dem gerade noch das 2G-Aus organisiert werden muss, während 1&1 nie eine Alt-Generation hatte, die es abräumen müsste. Wer so gebaut ist, ist stabil, aber träge. 1&1 ist fragil, aber beweglich. In einem Markt, in dem das Produkt zunehmend in der Software steckt und nicht in der Antenne, ist Beweglichkeit kein Nice-to-have – sie ist der Wettbewerbsvorteil.

Ehrlichkeitshalber die Gegenrede: Das Open-RAN-Versprechen, beliebige Komponenten beliebig zu mischen, ist branchenweit bislang mehr Anspruch als Alltag – am Ende dominieren auch hier wenige große Anbieter, und auch 1&1 hängt stark an Rakuten und Mavenir. Und die Etablierten experimentieren längst selbst mit offenen Netzen. Aber der strukturelle Startvorteil bleibt: 1&1 hat keine Altlast abzutragen. Die anderen schon.

Und am Ende ist genau das der Punkt. 1&1 hat den Preis der Unabhängigkeit bezahlt – sichtbar, schmerzhaft, in echten Euro. Die drei Großen haben sich entschieden, ihn nicht zu zahlen, und ließen sich das vom Innenministerium als Schutz des „Nervensystems“ abnicken. Souveränität gibt’s nicht zum Nulltarif – sie ist ein messbarer Trade-off aus Wechselkosten und Risiko, keine Schlagzeile. 1&1 hat die Rechnung beglichen. Die anderen haben sie vertagt.

Der Showdown läuft am falschen Ende

Und genau hier wird der Handelsblatt-Showdown entlarvend. Der Konflikt mit China wird dort inszeniert, wo er politisch billig ist: beim Auto, sichtbar, mit Bildern von Häfen voller E-SUVs. Dort, wo er teuer und unsichtbar ist – im Funkmast neben der Autobahn, im RAN entlang der ICE-Strecke –, wird er vertagt. Auf 2029. Vielleicht. Wer den Knüppel nur da schwingt, wo die Kameras stehen, hat den Showdown nicht verstanden. Er führt ihn nur vor.

Thomas Obst Siegburg Gleisfeld in München mit dichtem Geflecht aus Oberleitungen und einem Signalmast im Gegenlicht der tiefstehenden Sonne
Das Nervensystem, durch das ich zweimal die Woche fahre: Münchner Gleisfeld, Siegburg–München.

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