Die Woche war lang. Zu lang. IT-Architekturen, die sich gegen jede vernünftige Planung sperren, Infrastrukturmaßnahmen, die jeden Morgen mit einer neuen Überraschung aufwarten – und das Gefühl, dass man für jeden gelösten Knoten zwei neue bekommt. Um 16:40 Uhr sitze ich im ICE Richtung Siegburg. Fensterplatz. Endlich. Zeitschriften, News-Reader, Kopfhörer rein.
Und dann springt mir das hier ins Auge.
10 Millionen Einheiten, 2.500 Dollar
Nikkei Asia berichtet, dass Apple bei seinen Zulieferern rund 10 Millionen Einheiten eines faltbaren iPhone Ultra geordert hat – deutlich mehr als die bisher kolportierten sieben bis acht Millionen. Dazu eine Zulieferer-Prognose von bis zu 85 Millionen neuen iPhones für die zweite Jahreshälfte 2026 – inklusive iPhone 18 Pro, Pro Max und dem faltbaren Modell. IDC schätzt den Einstiegspreis auf rund 2.500 Dollar, Speicher-Upgrades bis 3.000 Dollar. Enthüllung voraussichtlich September, das faltbare Modell möglicherweise etwas später im Verkauf.
Nikkei ist dabei keine Gerüchteküche. Die haben einen guten Track Record bei Lieferketten-Details aus Asien – lange bevor Apple selbst auch nur hustet.
Moscone Center, Apple Park, Enterprise Design Labs
Ich lehne mich zurück und merke, dass ich das anders lese als die meisten.
Ich war mehr als zehnmal im Headquarter in Cupertino. Ich habe Steve Jobs noch live erlebt – im alten Moscone Center in San Francisco, damals, als Apple auf der WWDC noch Hardware vorgestellt hat. Ein anderes Zeitalter. Die Keynotes waren Ereignisse, nicht nur Produktankündigungen. Und mittendrin: das iPhone 3GS. Erstes iPhone mit Hardware-Verschlüsselung. Für uns damals eine Schlüsselbotschaft in Richtung Geschäftskunden – und niemand wollte uns den zwingenden Bedarf für die Enterprise-Welt abnehmen. Der Rest ist Geschichte.

Später zog Apple in den Apple Park – und auch dort war ich mehrfach zu Gast. Bis hin zu den unscheinbaren, kaum ausgeschilderten Enterprise Design Labs, wo Apple mit ausgewählten Partnern und Kunden daran arbeitet, was Technologie im Unternehmenskontext wirklich leisten soll. Nicht, was sie kann. Was sie soll. Das ist ein Unterschied, den viele Hersteller bis heute nicht verstanden haben. Fotografieren ist dort übrigens strikt verboten – mein letztes Bild endet am Empfangstresen, direkt unter dem Schild, das genau das klarstellt.

Sieben Jahre Nische. Dann kommt Apple.
Was ich in dieser Zeit vor allem gelernt habe: Apple macht nicht jeden Scheiß mit. Sie beobachten, sie warten, sie lassen andere die teuren Lernkurven fahren – und dann kommen sie. Mit Fokus. Mit einer klaren Nutzenperspektive. Und mit einer Produktionsmenge, die zeigt, dass sie sich sicher sind.
Genau das sind die 10 Millionen Einheiten. Samsung faltet seit 2019 – sieben Jahre Vorsprung, heute rund zwei Drittel des Segments. Google hat es mit den Pixel Folds versucht. Und trotzdem: Der gesamte Weltmarkt für Foldables lag 2025 bei rund 17 Millionen Einheiten – gerade einmal zwei Prozent aller verkauften Smartphones. Nische, sieben Jahre lang. Und jetzt ordert Cupertino allein 10 Millionen Einheiten für ein Gerät, das es offiziell noch gar nicht gibt. Mehr als die Hälfte des gesamten heutigen Marktes, mit einem einzigen Produkt. Das ist kein Experiment. Das ist ein Eintritt mit voller Überzeugung.
Scheitern, nüchtern ausgestellt
Aber – und das ist der Punkt, den die meisten in der Berichterstattung weglassen – Überzeugung schützt nicht vor Misserfolg. Und Apple weiß das besser als jeder andere.
Wer im Apple Park war – in diesem riesigen Ringgebäude, das von außen aussieht wie ein gelandetes Ufo – der kennt vielleicht diese unscheinbaren Ecken: kleine Nischen, vier, fünf Exponate, keine große Inszenierung. Ein Macintosh Portable von 1989, der erste batteriebetriebene Mac – 7.300 Dollar teuer, 16 Pfund schwer. Daneben der PowerBook 100, der ihn nur zwei Jahre später ablöste. Ein Twentieth Anniversary Macintosh, der grandios am Markt vorbeiging und heute ein Sammlerstück ist. Ein Apple IIe – und ein Stück weiter steht ein HomePod, als wäre nichts gewesen. Das Bemerkenswerte: Auf den Infokarten stehen Preis, Gewicht und die mauen Verkaufszahlen genauso nüchtern wie die technischen Meilensteine. Nichts wird versteckt, nichts wird entschuldigt. Erfolge und Misserfolge nebeneinander, ohne Rangordnung.
Und genau das ist das Entscheidende. Mein Lieblingsbeispiel stand allerdings in einer anderen Ecke: der Power Mac G4 Cube. Kein Schandfleck in der Apple-Geschichte, sondern eine Investition, die sich später ausgezahlt hat. Man hat mir in Cupertino erzählt, dass das Kühlkonzept des Cube – lautlos, ohne Lüfter, allein über Konvektion – in die thermische Auslegung späterer Macs eingeflossen ist. Ob das nun Firmenlegende ist oder dokumentierte Ingenieursgeschichte: Der Punkt steht. Ein kommerzieller Misserfolg. Ein technologischer Grundstein. Beides gleichzeitig – und kein Widerspruch.
Wer ist schuld? Die falsche Frage.
Das ist Fehlerkultur. Nicht im Sinne von: „Wir feiern das Scheitern!“ – diesen Unsinn hört man auf zu vielen Bühnen. Sondern im Sinne von: sachliche, emotionsfreie Analyse. Was hat funktioniert? Was nicht? Warum? Und was nehmen wir mit? Die Amerikaner – und Apple ganz besonders – können das. Die Frage ist nie: Wer ist schuld? Die Frage ist: Was lernen wir daraus?
In Deutschland läuft das anders. Hier beginnt die Analyse mit der Schuldfrage, und weil niemand schuld sein will, findet die Analyse gar nicht erst statt. Fehler werden nicht ausgewertet, also werden sie wiederholt. Und das Gute, das in jedem Fehlschlag steckt, geht verloren, weil man das Thema möglichst schnell hinter sich lassen möchte.
Ich erlebe das seit Jahrzehnten. Wer erinnert sich noch an Push-to-Talk? An „Hello Magenta“? Ideen, die zu ihrer Zeit entweder zu früh kamen oder in der Umsetzung gescheitert sind – und über die heute kaum jemand spricht, geschweige denn systematisch ausgewertet hat, was man daraus hätte lernen können. Die Erkenntnis, was gut war und was nicht, bleibt in der Schublade. Die nächste Initiative startet auf grüner Wiese. Und wundert sich, warum sich Geschichte wiederholt.
Apple macht das anders. Deshalb bin ich, wenn ich eine Meldung über 10 Millionen faltbare iPhones lese, nicht skeptisch. Ich bin neugierig. Weil ich weiß: Die haben den Weg dorthin analysiert – inklusive aller Umwege, die andere schon gegangen sind. Das faltbare iPhone Ultra ist nicht trotz Apples Vergangenheit wahrscheinlich ein Erfolg. Sondern genau wegen ihr.
September wird es zeigen. Bis dahin bleibt es spannend. Und ich freue mich darauf – so wie jedes Mal, wenn Cupertino etwas zu erzählen hat.







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