Die Maschine war’s nicht

Warum die KI-Schreibdebatte die falsche Frage stellt

Samstagmorgen, kurz nach acht. Das Haus ist still, so still, wie es nur ist, wenn jemand nach einer Nachtschicht schläft. Ingo liegt im Bett. Er hat die ganze Nacht im Seniorenzentrum alte Menschen versorgt – gewaschen, umgelagert, beruhigt, zugehört. Es ist Arbeit, die keine KI übernimmt und keine je übernehmen wird, und vielleicht ist das der richtige Gedanke im Hinterkopf, wenn man über künstliche Intelligenz schreibt.

Ich sitze mit einem Kaffee am Küchentisch, das iPad vor mir, die neue c’t ist da. Eigentlich wollte ich nur blättern. Dann bleibe ich an einer Überschrift hängen: „Ist das noch Schreiben?“ Es geht um depublizierte Gastbeiträge, um einen beurlaubten Ex-Chefredakteur, um einen Verlagschef, der zur Provokation gleich seinen ganzen Kommentar von einer Maschine schreiben ließ. Um die Frage, wie viel künstliche Intelligenz beim Schreiben erlaubt ist – in Staatskanzleien, in Redaktionen, in der Literatur.

Und während ich lese, sitze ich plötzlich nicht mehr am Küchentisch. Ich stehe wieder am Wahlkampfstand. Kommunalwahl, ehrenamtliche Kommunalpolitik, die Ära ging für mich im September zu Ende. Ich habe in diesem Wahlkampf massiv KI eingesetzt – für Texte, für Grafiken, für vieles, was sonst schlicht liegen geblieben wäre. Und ich habe genau die Debatte, die jetzt bundesweit durch Redaktionen und Staatskanzleien rollt, damals schon geführt. Im Kleinen, aber mit derselben Wucht. Mit politischen Gegnern, die es empörte. Mit Zaungästen, die wissen wollten, ob das „noch echt“ sei. Ob das legitim sei.

Meine Antwort war damals dieselbe wie heute: Das ist die falsche Frage. Und warum sie falsch ist, zeigen ausgerechnet die aktuellen Fälle, über die gerade ganz Deutschland diskutiert.


Drei Fälle, ein Muster

Schauen wir genau hin. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat im Juni einen Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten aus dem Netz genommen und im Archiv gesperrt. Das Analysewerkzeug Pangram hatte einen KI-Anteil von 100 Prozent ermittelt – aber das war nicht der eigentliche Skandal. Der eigentliche Skandal waren drei Zitate namhafter Wissenschaftler, die sich schlicht nicht verifizieren ließen. Die Maschine hatte sie erfunden. Und niemand – wirklich niemand – hat es vor der Veröffentlichung geprüft. Die Zeitung begründete den Schritt damit, dass eine Einlassung der Staatskanzlei nicht genüge, um sicherzustellen, dass der Beitrag von Menschen stammte und die Zitate stimmten. epd medien

Fast zeitgleich wies eine ZEIT-Recherche nach, dass der Bundesdigitalminister Reden und Gastbeiträge in weiten Teilen von einer KI schreiben ließ. Ein Handelsblatt-Beitrag unter seinem Namen stammte fast vollständig von einer KI, ein Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung überwiegend. Das Handelsblatt nahm den Text offline und stellte ihn später mit KI-Hinweis wieder ein. Das Ministerium verteidigte sich mit einer bemerkenswerten Begründung: KI sei ein unterstützendes Arbeitsmittel, über das man nicht anders Rechenschaft ablege als über Textverarbeitung oder Recherche-Tools. Eine Offenlegung gegenüber den Redaktionen erfolgte deshalb nicht. Berliner Zeitung

Und dann der Tagesspiegel. Der ehemalige Chefredakteur, zuletzt Editor-at-Large, hatte über Wochen Meinungsartikel von KI verfassen lassen, ohne es kenntlich zu machen. Die Chefredaktion zog in eigener Sache die Reißleine, der Betroffene räumte alles ein: „Ich habe einen Riesenfehler gemacht, habe dem Haus geschadet und mir.“ Kress

Drei Fälle, auf den ersten Blick dasselbe Thema. Auf den zweiten Blick drei völlig verschiedene Probleme. Im ersten Fall wurden Fakten erfunden und ungeprüft publiziert. Im zweiten Fall fehlte die Transparenz gegenüber den Redaktionen. Im dritten Fall hat jemand den Kern seiner eigenen Arbeit – die Meinungsbildung – an eine Maschine delegiert und es verschwiegen. Die KI ist in allen drei Fällen beteiligt. Verursacht hat sie keinen davon.


Die Werkzeugfrage ist eine Nebelkerze

Der Chef von Axel Springer goss dann noch Öl ins Feuer: Er ließ einen Kommentar in der Welt komplett von einer KI generieren, verriet die Pointe erst am Schluss und nannte die FAZ-Haltung, keine KI-Texte zu drucken, ein „stolzes, aber sterbendes Dogma“ – vergleichbar mit dem Versuch einer Postkutschen-Lobby, das Automobil zu verbieten. Die FAZ konterte unter dem Titel „Journalismus als Wortfolgenauswertung“ mit der spitzen Frage, ob er die KI nicht nur schreiben, sondern auch denken lasse.

Beide Seiten haben einen Punkt. Und beide verfehlen den Kern. Denn Politikertexte werden seit Jahrzehnten von Ghostwritern, Referenten und PR-Beratern glattgeschliffen. Kein Mensch hat je verlangt, dass eine Rede den Hinweis trägt „verfasst vom Redenreferat, Absatz drei vom Praktikanten“. Entscheidend war immer etwas anderes: dass derjenige, der den Text hält oder unterschreibt, für jede Aussage einsteht. c’t-Chefredakteur Volker Zota bringt es in seinem Kommentar auf einen Satz, den ich mir einrahmen würde: Verantwortung ist nicht delegierbar. Nicht an einen Ghostwriter. Nicht an eine Maschine.

Ob KI im Spiel war, ist die falsche Frage. Die richtige lautet: Hat ein Mensch geprüft, eingeordnet und verantwortet, was unter seinem Namen rausgeht? Wenn ja, ist die KI ein Werkzeug wie die Rechtschreibprüfung. Wenn nein, ist das Problem nicht die Technik – sondern dass jemand seinen Namen unter etwas setzt, das er nicht gelesen hat.

Wie verbreitet die Praxis inzwischen ist, zeigt eine Umfrage von ZDFheute unter den Staatskanzleien: Die meisten Länder räumen ein, KI in irgendeiner Form einzusetzen – für Recherche, Zusammenfassungen, Gliederungen. Aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt hieß es dagegen, die Manuskripte würden von Menschen geschrieben. Die Frage ist also längst nicht mehr, ob KI im politischen Betrieb angekommen ist. Sie ist es. Die Frage ist, was danach passiert.


Mein Wahlkampf mit der Maschine

Zurück an den Wahlkampfstand. Wer ehrenamtlich Kommunalpolitik macht, kennt die Realität: Der Wahlkampf findet nach Feierabend statt. Kein Redenreferat, keine Agentur, kein Social-Media-Team. Auf der anderen Seite stehen Apparate mit hauptamtlichen Mitarbeitern. Für mich war KI in dieser Situation nie eine Frage von „ob“, sondern schlichte Ausnutzung von Ressourcen. Texte, Grafiken, Varianten für verschiedene Kanäle – vieles davon wäre ohne die Werkzeuge nie entstanden, nicht weil die Ideen fehlten, sondern die Stunden.

Und ja, ich habe mir dafür einiges anhören müssen. Das sei nicht authentisch, hieß es. Interessanterweise kam dieser Einwand selten von Leuten, die selbst je um 23 Uhr noch einen Flyer texten mussten. Die Wahrheit ist unbequemer: KI demokratisiert hier etwas, das sich vorher nur Etablierte leisten konnten. Der Ministerpräsident hatte immer schon sein Redenreferat. Der Ehrenamtler hatte nur sich. Jetzt hat er ein Werkzeug – und plötzlich wird über Legitimität diskutiert.

Jeder Text, der in meinem Wahlkampf rausging, war meiner. Meine Position, meine Argumente, meine Verantwortung. Die Maschine hat formuliert, ich habe entschieden. Das ist exakt die Grenze, um die es geht.


Wo ich selbst auf die Nase gefallen bin

Damit das hier keine Heldengeschichte wird: Auch mir ist es passiert. Nicht mit Zitaten – da bin ich pingelig, aus gutem Grund, wie die aktuellen Fälle zeigen. Aber mit Verlinkungen, die ins Leere führten. Von der KI vorgeschlagen, von mir übernommen, von niemandem geklickt. Peinlich? Ja. Lehrreich? Absolut. Heute prüfe ich jeden Link, jedes Zitat, jede Referenz, bevor etwas online geht. Nicht weil ich der Maschine misstraue, sondern weil das schlicht mein Job als Autor ist. Es war schon immer mein Job – die KI hat nur die Geschwindigkeit erhöht, mit der man ihn vernachlässigen kann.

Genau das ist der Punkt, den ich in meinem Beitrag über Technologie-Konvergenz beschrieben habe: Systeme haben ausgeführt, wir haben entschieden – und die eigentliche Verschiebung beginnt dort, wo diese Reihenfolge kippt. Nicht durch Technik. Durch Bequemlichkeit. Wer wochenlang Meinungsartikel durchwinkt, ohne sie zu lesen, hat aus einem Werkzeug faktisch ein autonomes System gemacht. Freiwillig.


Es gibt Texte, die mehr verlangen

Eine Grenze ziehe ich trotzdem, aber sie verläuft anders, als man vielleicht erwartet. Unter den untersuchten Texten des Thüringer Ministerpräsidenten war auch eine Gedenkrede zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Der Investigativjournalist, der den Fall recherchiert hat, sagte, Gedenken werde entleert, wenn man es als Prompt eingebe.

Ich verstehe den Reflex. Und trotzdem stimmt der Satz so nicht ganz. Entleert wird Gedenken nicht dadurch, dass ein Werkzeug mitschreibt. Entleert wird es, wenn sich niemand mehr damit auseinandersetzt. Wenn der Prompt nicht das Tippen ersetzt, sondern das Nachdenken.

Deshalb ist die Textsorte nicht das Kriterium. Es gibt Texte, die mehr persönliche Auseinandersetzung verlangen als andere – und je mehr sie verlangen, desto teurer wird die Abkürzung. Ein schlecht geprüfter Flyer kostet Glaubwürdigkeit. Eine Gedenkrede, hinter der niemand steht, kostet mehr. Nicht weil eine Maschine beteiligt war, sondern weil die Beteiligung des Menschen fehlte, die der Anlass verlangt hätte.

Wer KI-Einsatz verteidigt, muss auch sagen können, wo der Aufwand steigt statt sinkt. Hier steigt er.


Klartext

Dieser Blog entsteht mit KI-Unterstützung. Das war nie ein Geheimnis, und dieser Beitrag ist keine Ausnahme: Recherche, Sparring, Formulierungsarbeit – die Maschine ist dabei. Was veröffentlicht wird, welche Position vertreten wird, welche Quelle belastbar ist und welcher Satz bleibt: Das entscheide ich. Jede Zeile, die hier steht, verantworte ich – inklusive der Fehler, die trotzdem passieren werden.

Die Debatte, die gerade durch Deutschland rollt, wird sich nicht an der Werkzeugfrage entscheiden. KI-Detektoren, Kennzeichnungspflichten, Prozentwerte – alles Nebenschauplätze. Entscheidend ist eine ältere, viel einfachere Frage, die schon vor der KI galt und nach ihr gelten wird: Steht da jemand hinter dem Text, oder steht da nur noch ein Name drüber?

Am Wahlkampfstand wusste ich die Antwort für meine Texte. Ingo weiß sie für seine Nachtschichten sowieso – manche Arbeit kann man nicht prompten. Für alles dazwischen gilt: Die Maschine war’s nicht. Sie war es nie.


Dieser Beitrag entstand am Küchentisch, angeregt von c’t 16/2026 („Ist das noch Schreiben?“ von Jo Bager und dem Kommentar „Hexenjagd“ von Volker Zota). Alle verlinkten Quellen wurden vor Veröffentlichung geprüft. Wenn doch ein Link ins Leere führt: Kommentar drunter, ich korrigiere. Verantwortung ist schließlich nicht delegierbar.

Thomas Obst Siegburg auf einem Podium vor Publikum, Mikrofon und Tisch im Vordergrund
Vor dem Publikum steht man selbst – nicht das Werkzeug, mit dem der Text entstanden ist. (Foto: Thomas Obst)

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