Vier Wege, ein Ziel – und die letzte Meile entscheidet.

Diese Woche bin ich im Urlaub. Zingst, Fischland-Darß-Zingst, eine Woche mit der ganzen Familie. Das eigentlich Spannende stand schon fest, bevor der Urlaub überhaupt begonnen hatte: Wir sind alle am selben Ort gelandet – aber auf vier völlig verschiedenen Wegen.

Meine Eltern mit dem Auto. Meine Schwester mit dem Wohnmobil. Meine Nichte aus Schweden mit der Fähre, Direktanbindung nach Rostock. Und wir – Katharina, Ingo und ich – mit der Bahn. Dieselbe Familie, dieselbe Woche, dasselbe Ziel. Vier Verkehrsmittel im direkten Vergleich, ungeplant und ehrlich.

Ich mache es kurz: Preislich war die Bahn bei dem Vorlauf, den wir hatten, schlicht unschlagbar. Kein Stau, kein Stress, und die Zeit im Zug ist Zeit, die man wirklich hat – reden, lesen, aus dem Fenster schauen. Aber das ist nicht der eigentliche Punkt. Den hätte ich im Mai schon erzählt. Der eigentliche Punkt kam in Velgast.

5:44 Uhr ab Siegburg

Um 5:44 Uhr in Siegburg in den ICE, in Hamburg Hauptbahnhof umgestiegen, weiter mit dem ICE Richtung Binz. Und dieser ICE hält irgendwann in Velgast.

Velgast ist kein Bahnhof, wie man sich einen ICE-Halt vorstellt. Rund 1.500 Einwohner – damit einer der kleinsten Orte Deutschlands, an dem überhaupt ein ICE hält. Und der Halt wird nur in der „Wärmesaison“ bedient, also genau dann, wenn Leute wie wir an die Ostsee wollen. Der Zug spuckt dich mitten in die Prärie: ein einzelner Bahnsteig, ein verwaistes Bahnhofsgebäude, ringsherum Wiese, Gleise und ein einsamer Funkmast.

Der erste Reflex: Das sieht aus wie Systemversagen. Wer setzt mich hier ab?

Und dann steht da der Bus

Man geht um das alte Gebäude herum, und da steht er: der nagelneue VW-Bus von Darss Exklusiv. Pünktlich, sauber, da. Und es war eben nicht nur eine Transferfahrt von A nach B. Der Fahrer war der erste Zingst-Botschafter der Woche – kleine Geschichten, Tipps, was man gesehen haben muss. Kurzweilig, unterhaltsam, herzlich. Die Anreise war an dieser Stelle längst kein Transport mehr, sondern schon Urlaub.

Es geht nie um den Hauptlauf

Genau hier liegt die These, und sie ist nicht neu für mich – ich denke beruflich seit Jahren so. Der Hauptlauf ist selten das Problem. Der ICE fährt. Das Auto fährt. Die Fähre fährt. Entschieden wird an den Rändern – an der Schnittstelle, an der letzten Meile. Da, wo ein System an das nächste übergeben wird. Auto und Wohnmobil scheitern selten an der Autobahn, sondern am Stau vor dem Ziel und an der Stellplatzsuche. Die Bahn gewinnt nicht, weil der ICE so schön schnell ist, sondern weil in Velgast jemand die Übergabe zu Ende gedacht hat.

Das ist exakt dasselbe Denken wie bei digitaler Souveränität: Nicht das einzelne System entscheidet, sondern wie sauber es an seinen Grenzen integriert – und wie leicht man wieder rauskommt. Nur dass es diesmal kein Rechenzentrum war, sondern ein VW-Bus auf einem leeren Bahnsteig in Mecklenburg-Vorpommern.

Und die Ostsee?

Die ist genau so, wie sie sein soll. Gestern Regen, Sonne, Wind – alles im Wechsel, manchmal innerhalb einer halben Stunde. Wir waren nass bis auf die Haut und sind danach direkt in die Sauna. Das ist das Schöne hier oben: Du bekommst alles. Vor allem aber Ruhe, Erholung und eine Natur, die kein Hochglanzprospekt einfängt.

Vier Wege, ein Ziel. Gewonnen hat der, der die letzte Meile zu Ende gedacht hat.


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