Heute Nacht ist ein Auto geflogen. Ungefähr.
Auf einem SpaceX-Testgelände in Texas sprang ein Prototyp des neuen Tesla Roadster über eine Reihe geparkter Autos, drehte sich in der Luft und setzte mit ein paar Stößen Druckluft wieder auf. Kurz darauf verkündete Elon Musk auf X, die Zukunft habe nun also doch fliegende Autos.
Hat sie nicht. Sie hat ein Video.
Roger Conner, Kurator für Vertikalflug am Smithsonian National Air and Space Museum, hat es gegenüber CNN trocken eingeordnet: Von anhaltendem Flug könne keine Rede sein. Das sei Hüpfen.
Was man tatsächlich kaufen kann
Den Roadster soll es in drei Versionen geben. „Performance” für die Straße, „Thrust” mit Kaltgasdüsen am Heck, „Rocket” mit Düsen rund um die Karosserie. Fliegen kann nur Rocket, die gibt es nur auf Einladung, und für den öffentlichen Straßenverkehr ist sie nach Teslas eigenem Hinweis nicht zugelassen, wie Dr. Web berichtet.
Einen Preis gibt es für keine der Versionen. Eine Anzahlung schon: 5.000 Dollar sofort, 45.000 innerhalb von zehn Tagen, sonst ist die Reservierung weg. Für Thrust sind es 250.000 Dollar. Produktionsstart: 2028. In Deutschland gilt dasselbe Schema in Euro. Zusammengefasst hat das unter anderem Trending Topics.
Zur Einordnung: Vorgestellt wurde der Roadster 2017. Marktstart sollte 2020 sein, erinnert InsideEVs. Die Anzahlung ist heute dieselbe wie damals. Nur das Versprechen ist neu verpackt.
Der Visionär als Schutzschild
Kaum war das Video online, kam die bekannte Verteidigung. Unter einem LinkedIn-Beitrag von Sascha Pallenberg, der die Show gewohnt deutlich zerlegt hat, las ich sinngemäß: Lieber ein Verrückter, der es wenigstens versucht, als Unternehmen, die sich nichts mehr trauen. Und: Schade, wie wenig die Ingenieursleistung gewürdigt wird, nur weil Musk dahintersteckt.
Genau hier liegt der Trick. „Visionär” ist kein Kompliment, sondern ein Immunisierungsbegriff. Wer nach Preis, Termin und Zulassung fragt, gilt als Bedenkenträger. Aus einer Lieferfrage wird eine Charakterfrage. Und über Charakter lässt sich prima streiten, über einen verpassten Liefertermin nicht.
Vision kostet nichts. Eine Idee zu haben, ist der billigste Teil jedes Projekts. Teuer, mühsam und unspektakulär ist alles danach: Spezifikation, Zulassung, Crashtest, Serienfertigung, Service, Ersatzteile für fünfzehn Jahre. Davon hat die Show nichts gezeigt.
Und die Ingenieursleistung?
Die gibt es, keine Frage. Aber man sollte sie nicht größer reden, als sie ist. Ein Rennwagen, der sich per Lüfter an den Boden saugt, war schon 1978 in der Formel 1 unterwegs: Mit dem Brabham BT46B gewann Niki Lauda den Großen Preis von Schweden, danach zog Brabham das Auto selbst zurück. Kaltgasdüsen zur Lageregelung sind in der Raumfahrt Standard. Beides in ein Showcar zu packen und es autonom über eine Rampe springen zu lassen, ist sauberes Showengineering. Ein Produkt ist es nicht.
Wie das in meiner Welt aussähe
Ich arbeite seit über zwanzig Jahren in Projekten, bei denen am Ende etwas funktionieren muss. Telekommunikationsnetze, digitale Infrastruktur, KRITIS. Da gibt es ein Lastenheft, einen Preis, Meilensteine, eine Abnahme. Bezahlt wird nach Leistung, nicht nach Begeisterung.
Ein Angebot, das Vorauskasse verlangt, aber weder Preis noch verbindliche Spezifikation noch Liefertermin nennt, bekäme bei keiner Vergabe, die ich kenne, einen Zuschlag. Es käme nicht einmal in die Wertung.
In kritischer Infrastruktur wird niemand dafür bezahlt, eine Vision zu haben. Bezahlt wird, wer liefert, dokumentiert und nachts um drei erreichbar ist, wenn etwas ausfällt.
Mut auf fremde Rechnung
Mut ist, eigenes Geld auf eine Idee zu setzen. Wer Kunden zinslos vorfinanzieren lässt, ohne ihnen einen Preis zu nennen, verlagert einen Teil dieses Risikos auf andere. Das ist legitim, solange alle wissen, was sie kaufen. Gekauft wird hier aber kein Auto, sondern ein Platz in der Warteschlange für ein Versprechen.
Ich habe nichts gegen große Ideen. Ich habe etwas dagegen, wenn das Wort „Visionär” dafür sorgt, dass niemand mehr nach dem Liefertermin fragen darf.
Einen Preis, einen Termin, eine Abnahme. Dann reden wir über Visionen.


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