McKinsey rechnet vor, welche Berufe KI verdrängt und welche entstehen. Das Problem ist nicht die Zahl der Jobs, sondern der Weg dorthin. Und in Deutschland gibt niemand den Startschuss.
Sonntagmorgen. Die Woche ist durch, der Kaffee steht, und endlich ist Zeit für das, was unter der Woche liegen bleibt: Zeitungen, Fachartikel, Studien. Beim Durchblättern meiner X-Timeline fällt mir eine neue Studie des McKinsey Global Institute in die Hände. „Workforce in motion“, 82 Seiten. Die Frage dahinter: Welche Berufe fallen in den USA in den nächsten zehn Jahren weg, welche entstehen, und wie kommen Menschen von den einen in die anderen? Und weil ich nicht in den USA arbeite, gleich die zweite Frage hinterher: Was davon lässt sich auf Deutschland übertragen?
Ich bleibe an einer Grafik hängen. Oben rechts, wo Automatisierung am stärksten greift und die Nachfrage nach Arbeit am deutlichsten sinkt, steht ein Beruf, mit dem ich dieses Jahr mehr zu tun hatte, als mir lieb war: der Kundenservicemitarbeiter.
Zweimal habe ich 2026 in Hotline-Schleifen festgehangen. Einmal bei meiner Versicherung nach einem Unfall, einmal bei einem Smartphone, das ohne SIM ankam. Beide Male hing ich in Schleifen, statt bei jemandem zu landen, der das Problem löst. Die Studie rechnet nun vor, dass genau dieser Job zu den großen Verlierern des nächsten Jahrzehnts gehört.
Bevor man das als ausgemachte Sache abheftet, lohnt der Blick in eine andere Studie: Laut KPMG hat fast die Hälfte der Unternehmen ihre Rollouts von KI-Agenten zurückgefahren, verschoben oder pausiert. Modelliert ist eben noch nicht umgesetzt.
Mehr Jobs, nur nicht dieselben
Die Kernrechnung der Studie ist unspektakulärer als jede Schlagzeile über KI und Arbeit. Automatisierung könnte in den USA bis 2035 Arbeitsnachfrage im Umfang von rund 36 Millionen Stellen kosten. Gleichzeitig entsteht Nachfrage nach gut 41 Millionen neuen. Unterm Strich also kein Jobsterben.
Das Problem steckt im Kleingedruckten. Rund 25 Millionen Betroffene bleiben in ihrem Beruf, dessen Inhalt sich allerdings deutlich verändert. Etwa 11 Millionen Menschen müssen den Beruf komplett wechseln, je nach Tempo der Automatisierung zwischen sechs und 16 Millionen. McKinsey fasst das in einem Satz zusammen, den ich mir merken werde: Die Herausforderung des nächsten Jahrzehnts ist Mobilität, nicht Knappheit.
Wer wegfällt und warum
Der Rückgang ist erstaunlich konzentriert. Über 75 Prozent derjenigen, die umsteigen müssen, kommen aus nur drei von 22 Berufsgruppen: Büro und Verwaltung, Handel und Verkauf, Transport und Logistik. Ein Drittel stammt sogar aus nur fünf Berufen: Kundenservice, Verkäufer im Einzelhandel, Bürohilfskräfte, Kassierer und Lagerarbeiter.
Die Mechanik dahinter ist simpel. Wo Arbeit routiniert ist, in großen Mengen anfällt und sich sauber vom Rest abtrennen lässt, schlägt Automatisierung voll durch. Das Callcenter ist das Lehrbuchbeispiel.
Beim Kassierer sieht man, dass Schrumpfen und Wandel gleichzeitig passieren. Self-Checkout und mobiles Bezahlen haben einen Großteil der klassischen Arbeit bereits übernommen. Wer bleibt, macht aber keine kleinere Version des alten Jobs, sondern klärt Ausnahmen, berät Kunden und überwacht die Systeme, die ihn ersetzt haben.
Und die Last ist ungleich verteilt: Geringverdiener müssen laut Studie 7,6-mal so häufig in einen völlig neuen Beruf wechseln wie Gutverdiener.
Die Überraschungen
Zwei Befunde passen nicht ins übliche Untergangsnarrativ.
Erstens der Lkw-Fahrer. Der Klassiker unter den angeblich bald überflüssigen Berufen soll in den USA in den nächsten zehn Jahren zulegen. KI übernimmt Auftragsabwicklung, Routinekommunikation und Teile der Disposition. Übrig bleibt, was Präsenz und Urteil verlangt: fahren, laden, sichern. Autonomes Fahren spielt eine Rolle, reicht nach Einschätzung der Studie in diesem Zeitraum aber nicht aus, um das Wachstum der Branche zu überholen.
Zweitens der Versicherungs-Underwriter. Er wird nicht ersetzt, sondern umgebaut. Statt Antragsdaten zu sammeln und zu prüfen, bewertet er künftig, was die KI vorbereitet hat, und muss seine Entscheidungen gegenüber Maklern und Kunden erklären. Weniger Datenerfassung, mehr Urteil.
Das ist genau die These aus meinem Text Digitaler Scheißprozess war gestern: Die Arbeit wird nicht weniger, sie wird dichter. Wer beurteilen kann, wie richtig aussieht, gewinnt. Wer das nicht kann, prüft KI-Output, den er nicht versteht.
Der Engpass sind Pfade und Scheine
Der interessanteste Teil der Studie ist nicht, welche Jobs wegfallen, sondern wie schwer der Weg in die neuen ist. McKinsey unterscheidet drei Arten von Pfaden. Direkt: kaum Umschulung, kein Lohnverlust. Gewunden: Umwege über neue Skills oder Gehaltseinbußen. Unbefestigt: große Lücken, lange Ausbildung, ungewisses Ende.
Nur einer von sieben Umsteigern hat einen direkten Pfad. Fast die Hälfte steht vor einem unbefestigten. Und rund 85 Prozent der wachsenden Jobs verlangen einen Abschluss oder ein Zertifikat.
Das schönste Beispiel liefert die Studie selbst: die Bürokraft, die Projektmanager werden will. Planen, Terminieren, Koordinieren, das kann sie längst. Die Skill-Überschneidung liegt bei 58 Prozent. Trotzdem braucht sie häufig einen Bachelor und eine Projektmanagement-Zertifizierung. Als Projektmanager kenne ich beide Seiten: Koordinieren lernt man im Job. Den Schein, der es bestätigt, nicht.
Härter noch der Weg vom Spüler zur Pflegehilfskraft: 20 Prozent Überschneidung, dazu eine Zertifizierung. Machbar, aber machbar heißt nicht leicht. Die Studie sagt es selbst: Entscheidend ist die Qualität des Pfades, nicht seine theoretische Existenz.
Wo die Jobs entstehen

Auf der anderen Seite wächst vor allem, was physisch ist. Gesundheit und Pflege wegen der alternden Gesellschaft. Bau, Energie, Netze. Und die Tech-Ökonomie, die laut Studie ein physisches Rückgrat hat: Rechenzentren, Halbleiter, Netztechnik, Kühlung, Netzanschlüsse, Notstrom. Allein dieser Infrastrukturboom soll rund zwei Millionen zusätzliche Vollzeitstellen bringen, der Energieausbau weitere zwei Millionen, der Bau etwa drei Millionen.
Im Sektor Information, für den McKinsey rund 11 Prozent Wachstum ansetzt, steht als Beispielberuf ausdrücklich der Telekom-Feldtechniker. Kein Prompt-Engineer, kein KI-Stratege. Der Mann, der rausfährt und die Technik zum Laufen bringt.
Das deckt sich mit dem, was ich zuletzt über die Luftfahrt geschrieben habe: Die Hydraulik hat keine App. Die KI läuft auf Infrastruktur, und die baut und betreibt sich nicht von selbst.
Und in Deutschland?
Die Zahlen aus den USA lassen sich nicht einfach umrechnen. Andere Wirtschaftsstruktur, anderes Bildungssystem, andere Demografie. Die Richtung lässt sich aber mit deutschen Primärquellen prüfen.
Das IAB hat berechnet, wie viele Tätigkeiten technisch bereits von Computern übernommen werden könnten. Ergebnis für 2022: 38 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, rund 13 Millionen Menschen, arbeiten in Berufen, in denen mehr als 70 Prozent der Tätigkeiten automatisierbar wären (IAB-Kurzbericht 5/2024). Das klingt dramatisch, das IAB ordnet es aber selbst ein: Es geht um technische Machbarkeit, nicht um tatsächlichen Ersatz. Ob automatisiert wird, entscheiden Kosten, Qualität, Recht und Ethik. Und vollständig ersetzbar ist praktisch kein Beruf.
Bemerkenswert ist, wo das Potenzial zuletzt am stärksten gestiegen ist: nicht bei den Helfern, sondern bei den Hochqualifizierten, besonders in IT-Berufen. Gleichzeitig weist das IAB darauf hin, dass KI konzipiert, eingerichtet, gewartet und überprüft werden muss. Der Engpass bei IT-Fachkräften könnte sich dadurch sogar verschärfen. Eine Randnotiz im selben Bericht passt fast zu gut: Der Informationselektroniker wurde mit dem Elektroniker der Fachrichtung Informations- und Telekommunikationstechnik zusammengelegt. Der Beruf verschwindet nicht, er wird umgebaut.
Der zweite Befund kommt aus den Projektionen von BIBB und IAB bis 2040 (BIBB REPORT „Weniger Arbeitskraft, weniger Wachstum“). Trotz unterstellter Zuwanderung von rund 4,6 Millionen Menschen sinkt die Zahl der Erwerbstätigen. Die Nachfrage nach Helfertätigkeiten geht zurück. Und ausgerechnet die Zahl der Menschen mit Berufsabschluss oder Aufstiegsfortbildung nimmt ab.
Daraus ergibt sich meine Lesart: In den USA ist das Hauptproblem der Weg von A nach B. In Deutschland kommt dazu, dass am Ziel B zu wenige Leute ankommen. Und die Hürde, die McKinsey als größte Bremse identifiziert, den Abschluss, dürfte bei uns eher schwerer wiegen. Kaum ein Land knüpft den Zugang zum Beruf so eng an Zeugnisse wie Deutschland.
Klartext
Die Debatte über KI und Arbeit schaut gebannt auf die Bürojobs, die wegfallen könnten. Die eigentlich unbequeme Frage lautet anders: Wer baut und betreibt die Netze, Rechenzentren und Stromanschlüsse, auf denen das alles läuft? Und wie kommt jemand aus dem Callcenter dorthin, ohne vier Jahre und ein Zertifikat zu verlieren?
Und vor allem: Wann laufen wir los? Einen Startschuss wird es nicht geben. Der Wandel kommt nicht als Stichtag, sondern schleichend, Aufgabe für Aufgabe. Erst übernimmt der Bot die Standardanfragen, dann die Terminvergabe, dann die Rückrufe. Wenn die Kündigung kommt, ist der beste Zeitpunkt für den Umstieg längst vorbei.
Genau darauf ist unser System aber ausgelegt. Die Bundesagentur für Arbeit hat für 2026 so viel Geld für Weiterbildung im Haushalt wie nie. Gleichzeitig steht der Gesamthaushalt im Minus, und die Agentur setzt verstärkt auf Instrumente, die kurzfristig wirken. Bei den Jobcentern reicht das Verwaltungsbudget seit Jahren nicht, die Lücke wird aus den Mitteln für Eingliederung gestopft. Gefördert wird vor allem, wer schon arbeitslos ist. Wer heute noch im Callcenter sitzt und weiß, dass sein Job in fünf Jahren nicht mehr existiert, ist für dieses System kein Fall.
Wer also gibt den Startschuss? Die Politik setzt den Rahmen und das Geld. Aber sie erfährt als Letzte, welche Tätigkeiten in einem Betrieb gerade wegautomatisiert werden. Das wissen die Arbeitgeber zuerst. Mit dem Qualifizierungsgeld gibt es seit 2024 sogar ein Instrument für Beschäftigte, deren Jobs der Strukturwandel bedroht. Nur muss jemand im Betrieb es auch nutzen wollen.
Am Ende bleibt es bei denen, die betroffen sind. Wer auf den Startschuss wartet, hört ihn nicht. Er bekommt ihn schriftlich, mit Kündigungsfrist.
Die Hotline wird schrumpfen, so viel ist wahrscheinlich. Ob sie besser wird, ist eine andere Frage. Der Feldtechniker dagegen wird gebraucht. Nur ausbilden muss ihn jemand. Und zwar bevor der Callcenter-Agent zum Fall für die Arbeitsagentur wird, nicht danach.


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