Ich fahre viel Bahn — BahnCard 100, regelmäßig zwischen Siegburg und München. Wer so unterwegs ist, kennt die Reibung. Am Samstag bin ich in Bremen gestrandet: zwei Stunden Stillstand, dann ging es weiter. Am Montag die übliche Strecke, Siegburg–München. Verspätung, Umleitung, verpasster Anschluss — das gehört dazu, damit kann ich leben. Es ärgert, aber es ist beherrschbar: Ein Teil fällt aus, der Rest trägt.
In der Nacht zum Mittwoch war das anders. Da stand nicht ein Streckenabschnitt, nicht eine Region — das ganze Land. Fern-, Nah- und Güterverkehr, S-Bahnen, sogar die Wettbewerber der Deutschen Bahn auf demselben Netz. Für rund zwei Stunden fuhr nichts. Menschen saßen in Zügen fest, strandeten nachts in fremden Städten, organisierten sich Fahrgemeinschaften per Taxi. Nach einem Open-Air-Konzert in Gelsenkirchen harrten Tausende am gesperrten Bahnhof aus. Ausgelöst hat das ein einziges System: der digitale Bahnfunk GSM-R.
Auch beruflich habe ich einige Netzausfälle bei verschiedenen Betreibern miterlebt. Alle unangenehm, manche teuer. Aber keiner mit dieser Konsequenz. Und genau das ist der Punkt, an dem die Geschichte interessant wird — nicht dort, wo die meisten Schlagzeilen sie verorten.
Es war Routine. Das ist das Problem, nicht die Entschuldigung.
Die DB-Tochter InfraGo nennt als Ursache den planmäßigen Tausch einer technischen Komponente im GSM-R-System. Kein Hackerangriff, kein Kupferdiebstahl, kein Sabotageakt. Wie es dadurch genau zur Störung kam, werde mit höchster Priorität analysiert — diese Frage lasse ich hier bewusst offen, sie gehört in die Analyse, nicht in die Spekulation.
Aber der Rahmen steht schon jetzt: Es war geplante, fachgerechte Wartung. Durchgeführt von Leuten, die ihr Handwerk verstehen. Aus meiner Zeit bei der Bahn weiß ich: Die operative Kompetenz ist da. Und genau deshalb ist das hier kein Kompetenzproblem. Es ist ein Architekturproblem. Wenn selbst eine planmäßige Routine an einem System ein ganzes Land lahmlegen kann, dann liegt der Fehler nicht in der Hand, die den Stecker zieht — sondern im System, das diesen einen Stecker so wichtig macht.
Warum dieser Ausfall anders war
Die Netzausfälle, die ich kenne, hatten eine Eigenschaft: Sie degradierten. Ein Teil fiel weg, der Rest lief weiter, eine Rückfallebene fing das Schlimmste ab. Telco-Netze sind auf graceful degradation gebaut — sie sollen sterben wie ein Stern, nicht wie eine Sicherung.
GSM-R ist anders konstruiert, und zwar aus gutem Grund. Es ist sicherheitskritisch. Ohne gesicherte Funkverbindung zwischen Lokführer und Leitstelle darf kein Zug fahren — kein Nothaltauftrag, kein schriftlicher Befehl an einem haltzeigenden Signal vorbei. Also gilt: kein Funk, kein Betrieb. Das ist fail-safe by design. Dieselbe Logik, die im Normalfall Menschenleben schützt, verwandelt eine einzelne Störung im Fehlerfall in einen bundesweiten Stillstand. Der Stopp war richtig. Die Frage ist eine andere: Warum betreibt man ein fail-safe-System ohne durchgängige Redundanz? Bezeichnend — ein voll redundantes Funknetz, bei dem der Ausfall eines beliebigen Netzelements folgenlos bleiben soll, entsteht in Deutschland erstmals im Digitalen Knoten Stuttgart. Erstmals. 2026.
„Digital“ heißt hier: aus dem Jahr 1990
Im Schlagwort „digitaler Bahnfunk“ steckt ein Missverständnis, das man kennen sollte. GSM-R ist digital — selbstverständlich. Es hat in Deutschland gleich mehrere analoge Funksysteme abgelöst, daher der Name. Aber „digital“ ist hier eine Abgrenzung zum Analogen, kein Qualitätssiegel. Technisch ist GSM-R der Mobilfunkstandard GSM, besser bekannt als 2G. Und der ist alt: Der Standard wurde um 1990 eingeführt, das erste kommerzielle GSM-Gespräch fand 1991 statt, in Deutschland startete das erste Netz Mitte 1992. Die digitale Grundlage des Bahnfunks ist also rund 35 Jahre alt — die erste Generation des Digitalen, am Ende ihres Lebenszyklus.
Wichtig für die Genauigkeit: Nicht das einzelne Funkmodul ist 35 Jahre alt, das wurde später verbaut. Veraltet ist die Technologiegeneration. Und das schreibt nicht ein Kritiker, das schreibt die Bahn selbst: GSM-R sei für die bahnbetrieblichen Technologien der Zukunft nicht dimensioniert und werde wegen Obsoleszenz abgelöst.
Der Nachfolger steht fest. Er heißt FRMCS, basiert auf 5G und soll GSM-R zwischen 2026 und 2035 ersetzen — eine komplette Neuentwicklung, nicht abwärtskompatibel, europaweit auf rund 25 Milliarden Euro geschätzt. Das Problem ist nicht das Ob, sondern das Tempo. Die Industrie garantiert Support für GSM-R nur noch bis mindestens 2035. Die Rückfallebene, die heute teils über das öffentliche 2G-Netz läuft, verschwindet sogar noch früher: Die Telekom will ihr 2G-Netz Mitte 2028 abschalten. Die Notlösung altert synchron mit dem System weg.
Hier schließt sich der Kreis zu einem Muster, das ich an anderer Stelle als Abwägung zwischen Integrationstiefe und Exit-Fähigkeit beschrieben habe (siehe „Souveränität gibt’s nicht zum Nulltarif“). GSM-R ist der Lehrbuchfall: maximale Integration — ein System, an dem der gesamte Betrieb hängt — bei minimaler Ausfall- und Exit-Fähigkeit. Wie schnell die Lieferantenbasis schmilzt, lässt sich an der Historie ablesen: Generalunternehmer war einst die kanadische Firma Nortel; nach deren Pleite übernahm deren früherer Europa-Vertreter, später kamen Stationen von Nokia dazu. Lieferanten-Sterben in Reinform — dieselbe Dynamik, die ich für die 5G-Funkmasten in „Showdown: Auto, Funkstille, Funkmast“ skizziert habe.
Das Risiko lag offen. Nur wollte es keiner wahrhaben.
Und jetzt der Teil, den ich schon zu oft erlebt habe. Jahrelang wird jeder Hinweis weggeredet, jedes Risiko politisch zerredet oder mit der Budgetkeule erschlagen, weil das Geld „gerade nicht da“ ist. Und wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, schielen plötzlich alle auf die Bahn und auf die Kolleginnen und Kollegen vor Ort.
Pünktlich kam der Reflex. Bayerns Verkehrsminister, zugleich Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz, erwartet ein „tragfähiges Notfallkonzept in der Hinterhand“, so könne es nicht weitergehen, die Infrastruktur brauche ein großes Update. Inhaltlich hat er recht. Nur: Ein Rückfallkonzept für den GSM-R-Ausfall existiert längst und ist bei der InfraGo öffentlich dokumentiert. Es hat in dieser Nacht nicht getragen — laut Berichten fiel auch die Ersatzebene mit aus. Ein Konzept zu fordern, das auf dem Papier da ist, dessen Substanz aber über Jahre nicht finanziert wurde, ist nicht Aufklärung. Es ist die Budgetkeule, von hinten geschwungen.
Und das Tempo der Aufarbeitung? Intensiv besprochen werde das Thema bei der nächsten Verkehrsministerkonferenz — im Oktober. Vier Monate nach einem bundesweiten Ausfall kritischer Infrastruktur. Schneller lässt sich „vertagt“ kaum dokumentieren. (Ich ordne hier bewusst niemanden parteipolitisch ein. Der Reflex ist überparteilich — das macht ihn ja so verlässlich.)
Fazit
Kritische Infrastruktur ist kein Etikett, das man sich ans Revers heftet, wenn die Kameras laufen. Sie ist eine Rechnung. Wer KRITIS will — Redundanz, gepflegte Rückfallebenen, eine FRMCS-Migration im nötigen Tempo statt im Lebenszyklus-Schongang — der muss das Budget dafür auf den Tisch legen. Konsequent, vorher, auch wenn es im Haushalt wehtut und keine Schlagzeile bringt.
Wer das nicht will, dem steht die nächstbeste Option offen: schweigen, wenn das System dann irgendwann genau so ausfällt, wie es seit Jahren absehbar war. Beides geht nicht — erst sparen, dann fassungslos sein. Die Kompetenz war in dieser Nacht da. Was gefehlt hat, war nicht das Können. Es war der Wille, ein offen liegendes Risiko zu bezahlen, bevor es eine Rechnung schreibt.


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